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Präsentismus – krank arbeiten lohnt sich für niemanden

Praesentismus

Ob aus Angst um den Arbeitsplatz oder aus übergroßer Motivation und Verantwortungsgefühl – die Gründe warum Mitarbeiter zur Arbeit gehen, obwohl sie krank sind, können sehr unterschiedlich sein. Die Folgen sind es nicht: Das Arbeitsvermögen nimmt dramatisch ab und so kosten kranke, aber anwesende Mitarbeiter deutlich mehr Geld als jene, die sich auskurieren. Unternehmen sollten daher ihre Führungskräfte für das Thema Präsentismus sensibilisieren und auf Prävention setzen.

Jeder dritte Arbeitnehmer in Deutschland geht auch gegen den Rat des Arztes zur Arbeit. Besonders betroffen davon sind personenbezogene Dienstleistungen, wie etwa Beschäftigte im Gesundheitswesen. Bei der Entscheidung eines Arbeitnehmers zu seiner Ab- oder Anwesenheit spielt nicht nur der Gesundheitszustand eine Rolle, sondern auch die individuelle Motivation, das Arbeitsklima, die sozialen Netzwerke oder das im Rahmen der Sozialisation erworbene Pflichtbewusstsein. Es sind also nicht nur negative Gründe wie die Angst um den Arbeitsplatz, das Gehalt oder Karriereeinbußen sowie die mögliche Auseinandersetzung mit Kollegen und Vorgesetzten, die einspringen oder Ersatz organisieren müssen. Arbeitnehmer können auch aus falsch verstandener Loyalität zum Unternehmen oder Solidarität mit Kollegen krank am Arbeitsplatz erscheinen. Etwa um eine Aufgabe abzuschließen oder um einer steigenden Eigenverantwortung und Erwartungshaltung gerecht zu werden. Weitere Faktoren können der Umgang mit Krankheiten und Fehlzeiten im Unternehmen sein oder die mangelnde Akzeptanz psychischer Erkrankungen im Umfeld der Betroffenen.

In den vergangenen Jahren konnte in mehreren Studien nachgewiesen werden, dass die Kosten des Präsentismus die des Absentismus deutlich übersteigen. Mitarbeiter die krank zur Arbeit erscheinen sind weniger produktiv, machen häufiger Fehler und laufen öfter Gefahr zu verunfallen. Die Qualität und Quantität der Arbeitsleistung nimmt ab. Auch die Ansteckungsgefahr – insbesondere in Berufen mit sehr viel Menschenkontakt – ist zu beachten. So kann ein Mitarbeiter in einem Großraumbüro schnell gleich mehrere Kollegen anstecken und somit einen höheren Schaden verursachen, als wenn er zu Hause geblieben wäre. Ein weiteres Risiko liegt in dem schleichenden Übergang von einer Krankheit in ein chronisches Leiden. Eine dänische Studie belegt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Arbeitnehmer, die mehr als sechs Tage im Jahr krank zur Arbeit gehen, später länger als zwei Monate ausfallen um 74 Prozent höher ist als bei anderen Arbeitnehmern. Eine Untersuchung in Deutschland hat ergeben, dass die Folgekosten von Präsentismus aufgrund von eingeschränkter Leistungsfähigkeit, Fehlern und Unfällen bei 2.400 Euro pro Jahr und Mitarbeiter liegen. Das sind doppelt so hohe Kosten wie durch Fernbleiben vom Arbeitsplatz.

Die wirtschaftliche Bedeutung des Präsentismus hat damit die des Absentismus weitgehend abgelöst. Es ist deshalb notwendig, dieses Problem in den Unternehmen anzugehen und umsetzbare Lösungen zu finden. Eine nicht zu unterschätzende Schwierigkeit besteht darin, dass Krankheitsbilder meistens nicht einfach zu greifen und Gesundheit keine dichotome Größe ist – die Menschen sind nicht nur entweder kerngesund oder schwerkrank. Es gibt dazwischen verschiedenste Ausprägungen, die berücksichtigt werden müssen, insbesondere im Bereich der chronischen Erkrankungen. Asthma, Diabetes, Depression, Allergien, Migräne, Rückenschmerzen und chronische Krankheiten sind komplex und erfordern gezielte Lösungen. Grundsätzlich gilt es, einen Paradigmenwechsel herbeizuführen, der den langfristigen Erhalt der Gesundheit, Arbeits- und Leistungsfähigkeit als Ziel hat. Anstatt zu Fragen, was Arbeitnehmer krank macht, sollten sich Unternehmen daher besser mit der Frage beschäftigen, wie sie dazu beitragen können, dass ihre Mitarbeiter trotz widriger Umstände und Belastungen gesund bleiben.

Ein wichtiger Schritt ist die Sensibilisierung der Führungskräfte für das Problem Präsentismus durch entsprechende Schulungen. Denn für sie ist es zunächst scheinbar besser, wenn ein Mitarbeiter trotz Krankheit arbeitet, da kein Ersatz gefunden und kein Kollege einspringen muss. Zur Schulung gehört auch, dass chronische und psychische Krankheiten oder Suchtprobleme erkannt werden. Entsprechende Mitarbeitergespräche, die solche Punkte berühren, erfordern ein Höchstmaß an Sensibilität und Vertraulichkeit. Dabei sollte immer eine unterstützende Perspektive geboten werden. Wichtig ist, dass jeder Mitarbeiter einsieht, dass es niemandem hilft, wenn man krank zur Arbeit kommt. Eine Krankheit sollte nicht verleugnet, sondern ernst genommen werden.

Noch besser und wichtiger ist es natürlich, durch gezielte Präventionsmaßnahmen, die auf einzelne Gruppen oder Mitarbeiter zugeschnitten sind, Krankheiten oder gar chronischen Beschwerden vorzubeugen. Die Stärkung der gesundheitsbezogenen Kompetenz umfasst die Ernährung, die Bewegung und die Work-Life-Balance. Hier können Unternehmen durch entsprechende Kantinenangebote, betriebliche Sportangebote und Vorsorgeuntersuchungen flankierend eingreifen. Eine wichtige Rolle spielt auch das Betriebsklima – wer die Personaldecke immer weiter ausdünnt oder die Leistungsanforderungen erhöht, drängt seine Mitarbeiter zwangsläufig in einen erhöhten Präsentismus.

Organisatorisch sollte daher ein Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) eingerichtet werden, dass sich um die Umsetzung konkreter Maßnahmen kümmert. Das berührt auch die Entwicklung betrieblicher Rahmenbedingungen, Strukturen und Prozesse, die die gesundheitsförderliche Gestaltung von Arbeit und Organisation und die Befähigung zum gesundheitsförderlichen Verhalten der Mitarbeiter zum Ziel haben. Das BGM ist Teil des Managementsystems und damit wie die Organisations- und Personalentwicklung zentrale Führungsaufgabe. Das erfordert die Bereitschaft seitens der Unternehmensführung, präventiv in die Gesundheit der Mitarbeiter zu investieren. Einerseits in Form klassischer Themen wie Arbeitsschutz, Ergonomie und Unfallvermeidung, andererseits durch eine gezielte Gesundheitsförderung und Gestaltung der Arbeitsbedingungen. Denn nur gesunde Mitarbeiter können ihr volles Potenzial ausschöpfen.

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Categorised in: Allgemein, Deutschland

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